Jedermann
Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" in einer Inszenierung der Augustinerschule Friedberg
Bad Nauheim: "We are the champions" – eine ausgelassene Gesellschaft tanzt zu heißen Discoklängen auf der Bühne des Badehauses 2 im Sprudelhof. Wir sehen das erste Bild von Hofmannsthals Mysterienspiel "Jedermann" – aufgeführt von der Theater-AG der Friedberger Augustinerschule im Rahmen der 3. Wetterauer Schultheatertage. Regisseurin Kerstin Müller hat das Stück mit 50 (!) Darstellerinnen und Darstellern und etwa 30 Helfern einstudiert. Es soll im Rahmen der 700-Jahr-Feier der Friedberger Stadtkirche am 2. und 3. Juni jeweils um 20:00 Uhr vor dem Gotteshaus wiederaufgeführt werden. Hofmannsthals Drama, das seit 1920 jährlich während der Salzburger Festspiele vor dem Dom gespielt wird, erlebte seine Uraufführung bereits 1911 – im Berliner Zirkus Schumann vor 5000 (!) Zuschauern. Trotz aller seit damals vorgebrachten Einwände wurde es zur populärsten Bühnendichtung Hofmannsthals.
Zweites Bild: Zu hören ist die Stimme Gottes aus dem off. Er will Gerichtstag halten über alle Menschen, die "in Sünd ersoffen" sind, und beauftragt den Tod (Johanna Seliger), Jedermann vor seinen Thron zu zitieren, damit dieser Rechenschaft ablege über sein irdisches Leben. Währenddessen plant der (Johannes Vatanyutaweewat) ein großes Fest, ständig begleitet von seinem "guten Gesell" (Paul Otto). Der steinreiche Junggeselle prahlt mit seinem Reichtum – er lässt sein Geld für sich "arbeiten" ("Mein Geld muss für mich werken und laufen / Mit Tod und Teufel hart sich raufen / Weit reisen und auf Zins ausliegen / Damit ich soll, was mir zusteht, kriegen.") Trotzdem wirkt dieser attraktive junge Mann von allem Anfang an nicht glücklich, merkwürdig verdüstert. Der Jedermann von Johannes Vatanyutaweewat ist ein zutiefst einsamer Mensch, der sich "Freundschaft" und Zuwendung erkaufen muss. Schuldner, die ihre Zinsen nicht zahlen können, lässt er gnadenlos in den Schuldturm werfen. Die Mahnungen seiner gebrechlichen Mutter (Annika Foltin mit Rolli), an sein Seelenheil zu denken, wischt er ärgerlich vom Tisch. Erst als seine Geliebte, die "Buhlschaft", erscheint, hellt sich seine Stimmung ein wenig auf. Auf der Bühne des taf wird sie von vier Darstellerinnen verkörpert (Sabine Damme, Lena Noske, Julia Torel und Anne Ullrich) – ein guter Regieeinfall! Jedermann wird von den vier lasziven Damen regelrecht "eingekesselt". Sie haben es – wie alle anderen – nur auf sein Geld abgesehen.
Während des feucht-fröhlichen Banketts vernimmt Jedermann plötzlich einen Glockenton und ahnt sofort, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hat. In der Tat – der Tod erscheint mitten im Festrubel und fordert Jedermann auf, ihm vor Gottes Thron zu folgen. Er erhält noch eine Stunde, um seine irdischen Angelegenheiten zu regeln. So sehr er auch bittet und fleht – niemand will ihn "dorthin" begleiten, selbst sein angeblich bester Freund nicht. In seiner wachsenden Panik nimmt der reiche Mann Zuflucht zum letzten, was ihm noch bleibt – seinem Geld, dem "Mammon". Was jetzt folgt, ist mit Abstand die beste, eindrucksvollste Szene an diesem Abend. Mammon – brillant gespielt von Franziskus Bayer und Simon Ostermann – entspringt einer überdimensionalen Registrierkasse (gebaut von Dierk Rainer Müller) und demonstriert Jedermann auf drastisch-obszöne Weise, wer wen besitzt. Er wird auf den Boden geworfen, gestoßen, getreten: Wir sehen Szenen wie in einem Actionfilm. Mammon ist der Gott, der unbemerkt von Jedermanns Seele Besitz ergriffen hat.
Durch diese Interpretation der Mammon-Szene arbeitet die Inszenierung den sozialkritischen Gehalt von Hofmannsthals Stück klar und überzeugend heraus. Man fühlt sich an Karl Marx und seine These vom Fetischcharakter des Geldes erinnert.
Jeder stirbt für sich allein
Jeder stirbt für sich allein – die bittere Wahrheit dieses Satzes erfährt der völlig gebrochene Jedermann nun am eigenen Leib. Was bleibt? Seine am Boden liegenden "guten Werke". Wir sehen ein die ganze Bühne bedeckendes Tuch, unter dem sich die unsichtbaren Werke kriechend bewegen. Auch dies ein glücklicher Einfall.
Im allerletzten Moment kann Jedermann dem Teufel (sehr gut gespielt von Sabrina Klatt) doch noch von der Schippe springen. Und wie? Durch die Erlösungstat Gottes, den Opfertod Christi, der Jedermanns "Schuldigkeit" bereits für alle Ewigkeit "vorausbezahlt" hat. Es ist der Glaube an die göttliche Gnade, nicht die schwachen guten Werke, der Jedermann rettet. Der zynische Glaube an Gott Mammon weicht der gottergebenen Einwilligung in sein Schicksal. Begleitet von Engelgesang steigt Jedermann ins Grab an diesem Abend in einen funkelnagelneuen, viel zu aufwändigen Sarg. Eine einfache Holzkiste hätte der Heimkehr des reumütigen Sünders zu Gott besser angestanden. Das gottlose Treiben auf der Welt nimmt indessen seinen Lauf.
Das Publikum applaudiert heftig. Und in der Tat – dem kollektiven Kraftakt der Theater AG aus der Friedberger Augustinerschule gebührt Anerkennung! Hofmannsthals Allegorie, die – in Anlehnung an ihre mittelalterlichen Vorlagen – keine individuellen Charaktere kennt, ist ein spröder Stoff und hat im Laufe der Jahrzehnte deutlich Patina angesetzt. Die jährlichen Salzburger Aufführungen vor einem Publikum aus aller Welt (das zum großen Teil aus sehr begüterten Zeitgenossen besteht) wurden und werden immer wieder als "Kunstgewerbe", "Ersatzdichtung" etc. kritisiert. Hofmannsthal ist es nicht immer gelungen, den zeitkritischen Impetus des Stückes mit seinem tiefreligiösen Gehalt im Sinne des barocken Memento mori in Einklang zu bringen.
Die engagierten Akteure aus Friedberg haben durch unkonventionelle Regieeinfälle und unverbrauchtes Agieren alles getan, um dieses sperrige Stück jenseits glatter Professionalität a la Salzburg wieder zum Leben zu erwecken. Die Aufführung vor dem Friedberger Dom wird sicher ein Höhepunkt der diesjährigen 700-Jahrfeier werden.
Autor: Gerhard Kollmer