Antigone

Antigone 1Die Theater-AG der Augustinerschule hat mit vier Aufführungen von Anouilhs "Antigone" die Theaterbühne der neuen Aula eingeweiht.

Mit einer V-förmigen, nach beiden Seiten vierstufig angelegten Bühne kreierte man die beiden auseinanderstrebenden Welten von Antigone und Kreon, die in ihrem Schnittpunkt Raum schafft für die dramatische Auseinandersetzung zwischen Kreon, König von Theben, dem Onkel Antigones (Willy Witthaut) und seiner Nichte, der unbeugsamen Antigone (Claudia Pink und Ricarda Prüssner). Im hinteren, tiefergelegenen Dreieck räkeln sich die Wächter und bewachen kartenspielend und Wasserpfeife rauchend den verwesenden Leichnam von Polyneikos (mit Eteokles Bruder von Antigone und Ismene). Als Staatsfeind von Kreon verdammt, darf er nicht gemäß der Riten begraben werden.

Drohend erscheinen die Schatten der Wächter auf einer Leinwand, die geschickt eingesetzt wird, um das lotterhafte Leben sowie den tödlichen Streit der beiden Brüder um die Herrschaft in Theben in beeindruckenden Bildprojektionen (Eike Müller) zu illustrieren.

"In einer packenden Inszenierung" (WZ, 30. September) von Kerstin Müller und Arno Sternitzke entsteht ohne Accessoires, nur das Licht und die Bühnenräume nutzend, ein Spiel, das den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute fesselt und ihn in seinen Bann zieht. Dies geschieht schon, bevor er überhaupt Platz genommen hat, durch zwei spielende Mädchen auf der Bühne.

Das Spiel endet mit grauseliger Quälerei der einen (Antigone) an der anderen (Ismene). Der Ruf der Amme verhindert Schlimmeres und der Sprecher (Johannes Vatanyuweewat) kann die Personen des Stückes, die inzwischen Stellung bezogen haben, vorstellen. "Die kleine Antigone lässt nichts Gutes ahnen", sind seine Worte der Überleitung zur erwachsenen Antigone, "die da drüben sitzt und schweigt". Anouilhs "Antigone" kann beginnen. Unglaublich, dass er es 1942 geschrieben hat und es 1944 im von Deutschen besetzten Paris (!) uraufgeführt wurde.

 

Mit "Eine Reise in den Untergang" überschreibt die WZ einen Abschnitt in ihrer Kritik, in dem es weiter heißt:

 

Antigone 2"In den nächsten beiden Stunden wird der Zuschauer mitgenommen auf eine Reise in den Untergang, die Katastrophe – daran lässt der Sprecher von Anfang an keinen Zweifel: "Alle Versuche, jemanden zu retten, bleiben vergeblich. (...) Es gibt von vornherein keine trügerischen Hoffnungen mehr";. Aber warum nur? Bei Sophokles war die Sache klar. Hier prallen göttliches und menschliches Gesetz unerbittlich aufeinander – Antigone verletzt das Recht des Staates, Kreon das der Familie. Wieso muss es auch bei Anouilh, in einer Welt ohne Götter, zur Katastrophe kommen? Welche Prinzipien stehen sich hier unversöhnlich gegenüber?

Anouilh macht es uns nicht leicht. Im Unterschied zu Sophokles bringt er eine Antigone und einen Kreon auf die Bühne, die als komplex-widersprüchlich angelegten Figuren jede vorschnelle Klassifizierung in Gut und Böse unmöglich machen. Diese Gebrochenheit, das Abstoßende wie Anziehende, glaubwürdig zu spielen, ist wahrlich keine Kleinigkeit! Claudia Pink und Willy Witthaut ist das sehr gut gelungen und dafür gebührt ihnen höchstes Lob!

Warum ist diese kleine, 20-jährige Antigone nur so verdammt stur? Warum will sie, die das Leben doch noch vor sich hat, unbedingt sterben? ("Ich bin da um nein zu sagen und zu sterben.") Wirklich nur ihrem Bruder Polyneikos zuliebe? In dem großen Dialog mit Kreon sagt dieser ihr auf den Kopf zu, dass die Bestattung nur ein Vorwand sei – und hat recht damit. Eteokles und Polyneikos waren höchst mittelmäßige Figuren, für die es sich wahrlich nicht zu sterben lohnt. Toller Regieienfall, die beiden Brüder durch Projektionen auf der Leinwand vorzustellen! Ist Antigone nur eine romantische Nonkonformistin, die Angst davor hat, erwachsen zu werden? Fragen über Fragen. Claudia Pink spielt die Rolle so, dass der (erwachsene) Zuschauer hin und hergerissen ist zwischen spontaner Sympathie und kopfschüttelndem Entsetzen – wie die brave, kompromissbereite Schwester Ismene, deren Wesen von Inge Nitsche glaubwürdig dargestellt wird.

Und Kreon – ist er der eiskalte, im Namen der Staatsräson über Leichen gehende Despot? Nicht im entferntesten. Kreon tut alles, um Antigone von ihrem aus seiner Sicht sinnlosen Vorgehen abzubringen. Er baut ihr goldene Brücken, beschwört sie, malt ihr aus, wie schön das Leben sein kann, plädiert für das "kleine Glück". Alles vergeblich. Die Rolle Kreons ist wohl die am schwersten zu spielende in Anouilhs Stück. Willy Witthaut hat dieses Schwanken zwischen Drohung und Beschwörung beklemmend-intensiv vermitteln können. Gratulation zu diesem Kraftakt!"

 

Antigone 2Auch Hämon (Fabian Voelz) steht unverständlich und machtlos den Gefühlsschwankungen Antigones, seiner Verlobten, gegenüber. Beeindruckend stark spielt Fabian Voelz den verzweifelten Sohn, dessen Vaterbild des "göttlichen Riesen" zusammenbricht. Er sieht sich einer leeren, nackten Welt gegenüber. Er rennt davon und folgt Antigone in den Tod, nicht wissend, wie ohnmächtig sein Vater den Angriffen Antigones ausgesetzt war. Für sie galt nur eines. "Ich will alles, sofort und ganz  – oder ich will nichts". Wie konnte ihr da das kleine Glück angesichts eines Sonnenuntergangs, das Kreon ihr beschreibt, genügen.

 

"Ihr ekelt mich an mit eurem Glück": Die Wetterauer Zeitung schreibt in ihrem Bericht zur Aufführung dazu:

 

"Dann ist wieder der Sprecher mit seinem zynischen Kommentar zu hören: "Nun haben sie die kleine Antigone erwischt. Zum ersten Mal in ihrem Leben wird sie ganz sie selbst sein können."; Man selbst sein können, frei zu sein bis zum selbstgewählten Tod – was Antigone 'inszeniert', ist ein verkappter Selbstmord. "Es gibt kein wahres Leben im falschen"; – davon ist sie überzeugt, und das lässt sie den Tod wählen: "Ihr ekelt mich an mit eurem Glück, mit eurem Leben, das man lieben soll um jeden Preis."; Wie sagte die Antigone des Sophokles im Verhör durch Kreon: "Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da"'; Anouilhs Antigone fehlt diese Kraft zur Liebe. Sie macht es sich leicht. Das zu konstatieren, bedeutet mitnichten, die doppelte Moral eines Kreon zu entschuldigen!"

 

Doch sehen wir auch Antigone in ihrem letzten herzzerreißend Auftritt zweifeln, als sie ihrem Wächter (Franziskus Bayer in einer Paraderolle) einen erschütternden Brief an Hämon (der nie ankommt) diktiert.

So ist sicherlich auch die Botschaft des Stücks, die uns der Skeptiker Anouilh vermitteln will "der Abschied von den großen Idealen, von dem Hochmut der Kompromisslosigkeit. Natürlich empfinden wir Sympathie für diese radikale Nonkonformistin Antigone – Claudia Pink (Ricarda Prüssner) in ihrem mitreißenden Spiel lässt uns kaum eine andere Möglichkeit. Aber wer etwas verändern will, darf sich nicht so einfach aus dem Staub machen.

Begeisterter Applaus für die höchst gelungene Präsentation eines anspruchvollen Stücks!" (WZ)

 

Autor: Arno Sternitzke


Mitwirkende

Antigone – Claudia Pink, Ricarda Prüßner
Ismene – Inga Nitsche
Die Amme – Anne Stroh, Leonie Peters
Eurydike – Anne Stroh, Leonie Peters
Kreon – Willy Witthaut
Hämon – Fabian Voelz
Wächter – Franziskus Bayer, Niels Hein, Johannes Voelz, Thomson Martin
Ein Bote – Thomson Martin
Sprecher – Johannes Vatanyutaweewat
Die kleine Antigone – Anne Grebenjuk
Die kleine Ismen – Michelle Newsham
Souffleuse – Jennifer Sonnenfeld, Lena Noske
Eteokles und Polyneikos – Franziskus Bayer, Simon Ostermann
Ödipus und Iokaste – Arno Sternitzke, Kerstin Müller
Bildtechnik – Franziskus Bayer u.a.
Bühnenbild – Eike Müller (Abi 2001)
Bühneninspizienz – Heiko Weber, Sabine Damme, Christopher Horn
Plakat – Eike Müller, Arno Sternitzke
Ton – Christopher Albe, Fabian Menz
Licht – Ralf Beczkowiak, Eike Müller
Maske – Lotta Hein, Malikah Malik, Saskia Boiselle, Juliane Ulrich
Bühnenbau, Licht- und Tonaufbau – Technik-AG der Augustinerschule
Spielleitung – Kerstin Müller, Arno Sternitzke, Heiko Weber
Kartenverkauf – Frau Händel, Frau Visser, Bindernagelsche Buchhandlung